Route des Grandes Alpes – Tag 08 & 09 – 208km & 40km – Barret sur Mèouge

Ich habe geschlafen wie ein Toter. Die Hitze macht einen echt fertig. Um diese ein wenig abzumildern wollen wir heute wieder zügig los. Zum Frühstück gibt es Gurke, Paprika, Tomate, dunkles Baguette, einen vegetarischen Brotaufstrich und Melone. Die Melonen hier schmecken viel intensiver und besser als das was man bei uns im Laden bekommt. Dann zügig das Zelt abgebaut und aufgepackt. Um 9:30 verlassen wir den Platz.

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Zu Beginn der heutigen Strecke vollenden wir die Umrundung des Lac de Sante Croix. Wir können den kompletten See und sogar noch die Ebene dahinter mit den Lavendelfeldern überblicken. Es ist ein herrlicher Ausblick. Auf dem See ist bereits wieder total viel los. Kleine Boote ohne Ende. Dann folgen wir wieder der Gorges du Verdon. Allerdings heute nicht durch die Schlucht, sondern über ihr. Dieser Ausblick gefällt uns fast besser als der Blick von unten. Außerdem ist hier quasi kein Verkehr. Ob das nun an der Uhrzeit liegt oder an der Streckenwahl können wir nicht sagen. Wir halten immer wieder an um unsere Eindrücke auf den Sensor der Kameras zu bannen.

Die Strasse D71 welche wir heute entlang der Schlucht fahren ist auf den Karten als kleine weisse Strasse dargestellt. Die D952 welche wir gestern durch die Schlucht gefahren sind ist als gelbe etwas größere Strasse dargestellt. Die Realität ist genau andersrum. Die D71 ist besser ausgebaut und lässt sich viel zügiger fahren. So kommen wir trotz der vielen Fotostopps flotter voran als gedacht. Nach den Aussichtspunkten Balcons de la Mescla (Felsterrassen) kommen wir zur Brücke Pont de l’Artuby wo sich just als wir eintreffen gerade einer in den Abgrund stürzt. Gesichert ist er dabei durch ein elastisches Seil – Bungeejumping nennt man das und es gibt hier scheinbar eine ganze Menge Leute die daran Gefallen finden.

Bei Castellane verlassen wir den Fluss Le Verdon und die Strassen werden wieder ein bisschen größer und flüssiger. Das kommt uns heute entgegen. Wir merken die Kurvenhatz und die Hitze der letzten Tage ganz schön. Deshalb haben wir für die nächsten zwei Nächte auch ein Hotel gebucht und werden morgen einen lässigen Pausentag einlegen. Ein bisschen Erholung muss im Urlaub ja auch mal sein 😉 Spätestens ab Barreme muss man die Strasse dann als gut ausgebaute Bundesstrasse beschreiben. Wir lassen fliegen (im Rahmen der legalen Möglichkeiten…) und freuen uns dass es weiter so flott voran geht. Die Temperaturen steigen nochmal deutlich an und die Luft brennt richtig im Gesicht.

In Digne les Bains suchen wir nach einem Laden um ein bisschen Käse zu kaufen. Wir haben noch Baguette und wollen eine Kleinigkeit vespern. Als wir durch die Innenstadt fahren dämmert uns dass ja Sonntag ist und viele Läden geschlossen haben. Wir akzeptieren das bereits und verlassen die Stadt wieder als ich einen Wegweiser auf ein großes Gewerbegebiet sehe. Dort finden wir einen großen Carrefour der Sonntags auch geöffnet hat. Anja verläuft sich in diesem fast und braucht über eine halbe Stunde um zwei Käse und Wasser zu kaufen. Wir klappen das Topcase auf und nutzen den Deckel als „Vesperwannenbrett“. Der Parkplatz des Carrefour ist nicht der romantischste Picknickplatz, aber wir stehen im Schatten, es geht ein bisschen Wind und wir lassen es uns schmecken.

Nach einer Stunde Pause machen wir uns dann auf die letzte Etappe vor dem Pausentag. Weiterhin geht es auf einer „Bundesstrasse“ nach Sisteron das wir bereits von weitem an seiner mächtigen Zitadelle die förmlich aus dem Kalkfelsen über dem Ort herauszuwachsen scheint erkennen. Nach Sisteron verlassen wir die große Strasse und fahren durch ein Obstanbaugebiet. Links und rechts der Strasse sind mit Netzen abgedeckte Apfelbäume die mit dem Wasser des nahegelegenen Flusses bewässert werden.

Wir fahren in den Park Natinole des Baronnies Provencales. Und genauer gesagt in die Gorges de la Méouge eine weitere Schlucht welche von ihrem Fluss geprägt wird. Heute am Sonntag ist jede mögliche Ecke an der Strasse mit Autos zugeparkt und die Besitzer der Fahrzeuge sitzen im seichten Wasser des Flusses um vor der Hitze zu fliehen. Wir sind gespannt wie es unter der Woche dort aussieht und überlegen ob wir am morgigen Pausentag auch mal ein bisschen planschen gehen. Man muss dazu sagen dass (zumindest an den Stellen welche wir einsehen konnten) das Wasser meist maximal knietief ist.

In Barret sur Mèouge stoppen wir an unserer Unterkunft für die nächsten zwei Tage. Der Wirt lacht mich aus als ich ihn frage ob wir hier Maske tragen müssen und zeigt auch gleich was er von dem Maskenthema hält: „Mask only for TV!“ Social distancing fällt uns hier nicht schwer da wir fast die einzigen hier sind. Wir packen die Motorräder ab und parken sie im Innenhof unter Dach. Dann beginnen wir unkontrolliert zu schwitzen. In der Sonne dürfte es locker über 40 Grad haben. Wir bleiben erstmal im abgedunkelten Zimmer und versuchen uns zu akklimatisieren. Später checken wir mal noch die Motorräder durch, ersetzen bei Elli die durchgebrannte Sicherung des Hauptscheinwerfers (Ursachenforschung betreibe ich dazu erst zuhause – es ist bereits die 3 Sicherung innerhalb eines Monats) und gönnen beiden Moppeds einen kräftigen Schluck Motorenöl. Bei heißen Temperaturen haben beide einen erhöhten Verbrauch an Öl.

Nach einer Dusche begeben wir uns dann zum Abendessen. Wir hatten auf Booking.com in den Bewertungen von der herausragenden Küche hier gelesen. Die Karte überforderte uns dann aber ein wenig. 3 Menüs mit je 2 Vorspeisen, Hauptspeisen und Desserts, welche auch alle einzeln bestellt werden können. Die Bedienung spricht kein Wort Englisch, wir immer noch nur 4-6 Worte Französisch. Google Translate ist hilfreich bei der Auswahl auf der Karte. Die Preise sind sehr gehoben, entsprechen aber absolut der Qualität und der Darbietung der Speisen!
Wir gönnen uns beide eine Vorspeise und als Hauptgang hat Anja Lamm und ich Schweinebäckchen. Das Essen war ein Gedicht! Die Flasche Wein dazu sorgte dafür dass wir auch bei den hohen Temperaturen einigermaßen schlafen konnten. Wir hatten noch einen taktischen Fehler gemacht. Kurz vor dem zu Bett gehen alle Fenster geschlossen und für 10 Minuten das Licht im Zimmer an. An den Scheiben tummelten sich von außen 1000 Insekten. Diese wollten wir auf keinen Fall ins Zimmer lassen und so schliefen wir bei geschlossenen Fenstern ein.

Irgendwann Nachts war Anja mal kurz wach und machte die Fenster im dunklen auf. Dies hatte zur Folge dass es früh fast ein wenig „frostig“ war. Es dürfte um 8 Uhr so zwischen 15 und 20 Grad gehabt haben. Das waren wir nicht mehr gewohnt und kuschelten uns um so enger zusammen. Um 9:30 waren wir dann beim Frühstück. Hier merkte man deutlich auf was der Franzose wert legt. Und das ist nicht das Frühstück. Nicht falsch verstehen. Für französische Verhältnisse war es hervorragend. Aber die Klasse des Abendessens hier konnte es nicht einmal ansatzweise halten. Baguette, Croissant, Käse, Wurst, Schinken, Marmeladen, Joghurt und Kaffe/Tee wurden dargereicht. Als Serviette ein Zewa, der Käse – Scheibletten – und das in einem Land aus dem Käse wie Comte, Reblochon, Beaufort, Mortier, und noch viele mehr kommen. Fazit: Das frühstück hier wird nur gereicht weil der Gast es erwartet. Die Liebe steckt im Abendessen.

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Wir satteln doch die Motorräder auf um eine kleine Runde zu drehen. Das Hotel nimmt nur Bargeld und wir haben definitiv nicht genug einstecken. Außerdem ist Ellis Tank fast leer. 18 km weiter in das Tal hinein ist sowohl ein Geldautomat als auch eine Tankstelle. Außerdem kaufen wir noch eine Melone für Mittags. Den Nachmittag vergammeln wir dann auf dem Zimmer und lassen die Hitze draußen. Am frühen Abend machen wir uns auf zum Fluss um noch ein wenig zu baden. Erst spazieren wir ihn ein wenig im seichten Wasser entlang bis wir eine Stelle finden die tief genug ist um sich reinzusetzen. So verbringen wir noch eine Stunde am/im Wasser bevor wir zurücklaufen und uns fürs Abendessen fertig machen.

Heute gönnen wir uns jeweils ein ganzes Menü – Sprich Vorspeise, Hauptgang und Dessert. Und es war wieder ein Absolutes Gedicht! Wir sind begeistert und neue Vokabeln haben wir auch gelernt – Tres bien (Sehr gut). Die Bedienung freut es und wir sind zufrieden und fallen ins Bett.

 

Route des Grandes Alpes – Tag 07 – 199km – Sainte Croix du Verdon

Just als ich gestern schlafen wollte ereignete sich vor unserem Hotel ein Verkehrsunfall. Die Folge davon war das Eintreffen mehrerer Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge. Und die sind glaube ich genau so gestartet wie wir das gestern live erlebt hatten. Auf jeden Fall kam der letzte 20 Minuten nach dem ersten an. Das sind mal Reaktionszeiten. Als dann alle an der Unfallstelle versammelt waren und die Sirenen abgestellt waren konnte ich auch endlich einschlafen. Wir hatten aufs Frühstück im Hotel verzichtet da die Erfahrung bisher zeigte dass französisches Frühstück zwar teuer ist, aber eher spärlich ausfällt. So saßen wir heute (nachdem wir die Motorräder aus der 250m entfernten Garage geholt und bepackt hatten) um 9 Uhr bereits startklar im Sattel.

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Erstmal raus aus Menton war die Devise. Menton und Nizza verbinden drei Panoramastrassen (Les Trois Corniches – Petite, Moyenne und Grande de Corniche) Wir fuhren die D2564 Grande de Corniche welche am höchsten an der Cote d’Azur entlang führt und einen wunderbaren Ausblick von oben auf die Küste und die Ortschaften entlang dieser bietet. Fast könnte man meinen man ist auf der Jadranska Magistrale unterwegs… aber auch nur fast. An die kroatische Küstenstrasse kommt (in unseren Augen) einfach nichts anderes ran. Wir haben uns entschlossen auf den Länderpunkt Monaco zu verzichten. Wir haben keine Lust gleich am Morgen in der Stadt im Stau zu stehen. Hinterher frage ich mich ob um diese Zeit am Samstag Morgen wirklich schon soviel los gewesen wäre. Aber die Panoramastrasse entschädigt mit einem grandiosen Ausblick auf Monte Carlo.

Durch Nizza fahren wir auf einer Schnellstrasse was erstaunlich flüssig geht. Gegen Ende der Durchquerung geht es dann noch kurz an der Promenade entlang bevor wir ins Landesinnere abbiegen. Wir haben beschlossen Cannes ebenso wie Monaco zu umfahren. Auf dem Weg aus dem Dunstkreis von Nizza machen wir noch halt bei einem Bäcker und lassen uns irgendwelche Blätterteigtaschen mit Fromage (Käse), Kuchen und ein Croissant schmecken. Die Temperatur ist jetzt schon unangenehm hoch und wir hoffen im Hinterland mit ein paar Höhenmetern mehr auf ein bisschen gnädigere Temperaturen. Dies stellte sich als hoffnungslos heraus. Auch heute fuhren wir wieder den ein oder anderen Col, diese haben wir aber eigentlich nur anhand der Schilder wahrgenommen. Wir bewegen uns eine ganze Zeit lang auf über 1000 Höhenmetern.

Eine Zeitlang „batteln“ wir uns mit einer Dreiergruppe – eine BMW GS und eine Harley überholen uns typisch französisch an unmöglichen Stellen, der dritte Fahrer (BMW GS) kann mit seinen Kumpels nicht mithalten und bleibt hinter uns. Ein paar Kilometer weiter stoppen die beiden vorderen mitten in einem Kreiverkehr und bremsen uns gnadenlos aus. Wir kommen gerade so vorbei. Dann sind wieder alle drei hinter uns und die zwei flotten drängeln wieder. Sie ziehen nochmal vorbei, der dritte kann wieder nicht mithalten. Es nervt… also schalt ich mal vom sightseeing Modus in den Fahrmodus und lass die zwei Kurzerhand hinter mir. Allerdings bremsen mich auch immer wieder Autos aus. So geht die muntere Fahrt einige Kilometer bis der Klügere halt nachgibt und das bin in diesem Fall ich. Ich lass die zwei passieren und warte geduldig auch noch auf den Dritten. Der wird vom Harley Fahrer in Gestenform zusammengestaucht. Wir beschließen einen Fotostopp einzulegen.

Als wir dann wieder aufgepackt hatten und weiterfahren sitzen sie 1 km weiter in einem Cafè. Naja Haken dran und weiter genießen. Die Temperaturen steigen unangenehm und wir kommen nach Castellane. 2 km Stau am Ortseingang…was gibt es hier umsonst? Benzin auf jeden Fall nicht. Die kleine Avia Tanke ist leer weil es keinen Sprit mehr gibt! Die Supermarkt Tanke voll mit Autos. Wir stellen uns an und beobachten das Chaos. Nachdem wir unsere Tanks voll haben verlassen wir Castellane schnellstmöglich wieder. Jetzt kommt das Tageshighlight: die Verdonschlucht. Kurvig geht es zwischen gigantischen Felswänden am Fluss entlang. Leider ist unsere Zeitplanung für diesen Trip nicht ganz optimal. Aber im Coronajahr 2020 muss man flexibel sein und tun was möglich ist. Also sind wir eben jetzt hier. An einem Samstag im August in der französischen Ferienzeit. Wir reihen uns in die Autos ein. Überholen macht keinen Sinn. Dafür genießen wir den Ausblick umso mehr.

Der Lac de Sante Croix ist der Hammer. Das Wasser hat eine geniale Farbe. Wir freuen uns schon auf den Campingplatz am Ende des Sees und hoffen noch einen Platz zu bekommen. Die Strasse um den See geht an Lavendelfeldern entlang. Diese hier finde ich fast schöner als die Gegend um Valensole. Leider sind sie bereits abgeerntet. Es geht nochmal ein paar Serpentinen hinab nach Sainte Croix du Verdon. Wir schleichen einmal der Einbahnstraßenregelung folgend durch den kompletten Ort bevor wir am Campingplatz angekommen sind. Die bange Frage nach einem freien Platz wird mit Ja beantwortet. Ich koche im eigenen Saft und wir fahren ins letzte Eck vom Platz und da ist tatsächlich eine freie Parzelle. Moppeds abgestellt und erstmal durchgeschnauft. Der Supermarkt ist oben am Berg. Also beschließen wir dass ich nochmal mit dem Motorrad ins Einkaufen fahre. Ich schwinge mich aufs Bike und sehe wie in Zeitlupe Anjas Mopped umfällt… Ari stand ein bisschen nahe an Elli und mit meinem schwungvollen Aufstieg habe ich ihr einen Schubs gegeben der genügte dass sie umkippt. Fazit: rechter Koffer total verdellt – man kann im geschlossenen Zustand die Hand reinstecken – Blinker, Handprotektor und Bremshebel kaputt. Der Zeltnachbar hat uns sofort beim aufheben geholfen.

Ich fahre erstmal zum Einkaufen. Dort hadere ich kurz vorm Weinregal ob heute nicht der Tag ist um zwei oder drei Flaschen Wein zu vernichten… und entscheide mich doch für den Sixpack Wasser. Es ist zu warm für Alkohol in Massen. Als ich zurück zum Zeltplatz komme ist bei Anja der Ärger schon verflogen. Wir bauen das Zelt auf und hauen Zeltnägel krumm weil der Boden so hart ist. Dann hauen wir den Koffer mit dem Hammer wieder ein bisschen gerade, so dass er wieder vernünftig hängt und der Deckel wieder halbwegs schliesst. Wir beschliessen uns für morgen Abend ein Hotel zu suchen und übermorgen einen Pausentag einzulegen. Die Hitze fordert ihren Tribut. Außerdem sind wir jetzt seit 7 Tagen am Stück unterwegs. Auf unseren bisherigen Reisen hatten wir nach der Zeit längst einen Pausentag.

Nach einer kleinen Runde zu Fuss an den See und ebendiese mal reinstellen kochen wir uns dann was aus Reis, Aubergine, Tomaten, Zucchini, Paprika und Knoblauch. Mit vollem Magen schaut dann alles schon wieder viel entspannter aus. Noch kurz unter die Dusche den Schweiss des Tages abwaschen und die Erinnerungsbilder aus der Verdonschlucht nochmal im Kopf durchschauen. In der Ortschaft spielt eine Liveband. Zu einem Culture Club Cover – „Do you really want to hurt me“ schlafe ich ein und muss an Ari denken… ich wollte ihr nicht weh tun. Achja – Handbremshebel hab ich getauscht, da haben wir immer Ersatz dabei, Blinker mit Gaffatape gefixt und der Handprotektor konnte mit Kabelbindern geflickt werden… sieht abenteuerlich aus, funktioniert aber.