About Anja Seidel

Anja ist die Ehefrau von Tobias und gemeinsam teilen sie alle Erlebnisse und Erinnerungen auf Ihren Reisen. Sie fährt die Suzuki DL 650 (Ari) und genießt die Zeit auf Reisen während Tobias mit den technischen Spielereien beschäftigt ist. Ins Bloggen steigt sie erst so langsam ein.

Israel – Jerusalem – Tag 10 & 11

Und wieder ist Shabbat. An unserem letzten Tag wollten wir die noch “weißen Flecken” auf unserer Karte ausmerzen bzw. Dinge ansehen, die lt. Reiseführer sehenswert aber nicht die erste Wahl sind.

Wir begannen mit dem Armenischen Mosaik nahe des Damaskustors. Wir haben es nicht gefunden, dafür aber einen frisch gepressten Orangensaft. Damit war ich soweit zufrieden und trottete hinter Tobi Richtung Gartengrab. Der Garten wird von Briten verwaltet und gepflegt. Die mit britischer “politeness” aufgestellte Behauptung, welche das Gartengrab als wahrscheinlichere Grabesstätte Jesu bezeichnete, nahmen wir zur Kenntnis und machten uns wieder auf den Weg in die Altstadt.

Wir liefen durch ein paar Gassen, durch die für gewöhnlich keine Reisegruppen geführt werden, sondern in welchen einfach das normal Leben stattfindet. Mit zwei Hackfleisch-Hefefladen in der Hand ging es stetig weiter. Treppen runter, Berge wieder hoch und irgendwie landeten wir immer wieder auf der Via Dolorosa.

Im Österreichischen Hospiz gönnte ich mir eine Sachertorte während Tobi ein Schwätzchen mit Schwester Bernadette Schwarz der Leiterin des Betriebes hielt.

Der Tag heute war sehr entspannt, zum einen war unser Kopf schon voll mit Eindrücken und zum anderen hatte ich eine Sonnenallergie und tat gut daran die Sonne ein bisschen zu meiden.

Zwei Stunden später machten wir uns wieder auf den Weg. Wir wollten am Shabbat auch einen kurzen Blick auf die Klagemauer werfen. Fotografieren ist am Shabbat nicht erlaubt und es ist auch Personal vor Ort, welches akribisch auf die Einhaltung dieser Regel achtet. Beim Hinausgehen warfen wir am Einlass nochmal einen Kontrollblick auf die Aufgangszeiten für den Tempelberg, bevor wir die Altstadt durch das Misttor verließen.

Linker Hand ging es an der Stadtmauer entlang auf den Arabischen Friedhof, der vor dem zugemauerten Goldenen Tor angelegt wurde.

Der Friedhof scheint seit Jahren nicht mehr gepflegt zu werden, überall wuchert Unkraut und Klatschmohn.

Die Sonne brannte und wir waren erschöpft, aber noch nicht bereit einfach ins Hotel zu gehen. Wir liefen an der Stadtmauer entlang zurück und auf den Berg Zion. Auch hier hatte der Reiseführer wieder mal unrecht. Die Kirchen waren alle offen und konnten besichtigt werden.

Der Rückweg zum Hotel fühlte sich an wie an einem Sonntag Nachmittag durch die Stadt zu schlendern. Die Leute waren rausgeputzt und machten einen Spaziergang, man flanierte auf den Tramgleisen, da weder Bus noch Bahn fuhr. Das einzige was fehlte waren offene Cafes oder Eisdielen. Alles war verschlossen, nirgends war etwas zu kriegen.

Auch im Hotel hatte sich den ganzen Tag über niemand sehen lassen, weder Rezeption, noch Zimmerservice.

Über Tripadvisor machte ich mich auf die Suche nach Abendessen und fand das Jahnun – jemenitisches Essen. Zum einen hatten die am Shabbat offen und zum anderen klang das interessant. Tobi war auch schnell überzeugt und so zogen wir nochmals los.

Hier kriegt man Wrap-ähnliche Teile, sieht aus wie ein Pfannkuchen, der aber in der Pfanne aufgeht wie Blätterteig. Wir bestellten mit allem und bekamen Hummus, viele Gewürze, frittierte Zwiebeln und Blumenkohl, Tomaten, Ei und ich weiß nicht was in diesen Fladen gewickelt. Wie geil war das denn?!

Schade dass das unser letzter Abend war, sonst wären wir sicher nochmal gekommen.

 

Der Wecker klingelte am Sonntag um 05:30 Uhr, die Koffer waren schon gepackt und wir sprinteten nur mit den Kameras Richtung Altstadt los. Wir eilten durch die stillen und dunklen Gassen, ganz selten war um halb 7 schon einer der Läden offen. An der Klagemauer war dafür schon ganz schön was los. Viele Kinder waren da, aber auch Erwachsene beteten vor der Arbeit und die Stimmung war eine ganz andere als während des Tages, wo es von Touris nur so wimmelte.
Wir wollten wieder nicht stören und machten nur wenig Fotos, obwohl wir von jemandem angesprochen wurden, dass es kein Problem sei und wir uns frei bewegen könnten.

Mehr als eine halbe Stunde zu früh standen wir in der Schlange um auf den Tempelberg zu gelangen. Die Sicherheitskontrollen fanden zeitig statt und so waren wir ziemlich die Ersten auf dem vorerst noch menschenleeren Tempelberg.
Wir rannten fast wie von der Tarantel gestochen zum Felsendom, um möglichst viele Fotos machen zu können, ohne die hereinströmenden Reisegruppen vor unserem Motiv zu haben.
Nach einer guten Stunde war der Spuk vorbei, die Ruhe des Morgens verflogen. Immer mehr Menschen kamen auf das Areal und wir entschieden, dass wir genug gesehen hatten.

Mit einem frischen Orangensaft und noch genügend Zeit für den Rückweg liefen wir durch die Gassen in denen die Geschäfte langsam öffneten und die Marktstände befüllt wurden.

In der Nähe des Damaskustors durfte ich mir noch für die restlichen Schekel Baklava einpacken.

Wir checkten in Ruhe aus und machten uns mit der Tram auf den Weg zum Bahnhof.
Die ersten Sicherheitskontrollen an diesem Tag und es erwischte uns prompt.
Unser kleines Opinel Taschenmesser liegt meist im Koffer und wir haben auch nicht mehr daran gedacht, als der Koffer bei der Durchleuchtung hängen bleibt und wir gefragt werden, ob wir Waffen oder Messer dabei hätten. Voller Überzeugung verneinten wir… einmal, zweimal, dreimal… Als ich dann einlenkte war es schon zu spät. Koffer öffnen, Reisepässe zeigen, Fragen beantworten bevor wir weiter zum Zug durften.

Am Flughafen waren wir noch zu früh, wir konnten noch nicht mal das Gepäck aufgeben.
Wir vertrödelten noch 1,5 Stunden bevor 2 Stunden anstehen mit mehreren Kontrollen und Einsortieren erfolgte. So kann man die Zeit bis zum Boarding auch verbringen.

Im Flieger begann ich schon die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen. Die Reise hat sich unheimlich lange angefühlt, wir haben entsprechend viel gesehen und erlebt. Das Militär und die Polizei sind allgegenwärtig und doch hatten wir in der ganzen Zeit nie das Gefühl Angst um uns oder unsere Sachen haben zu müssen. Die Menschen waren allesamt freundlich, offen, interessiert und unvoreingenommen. Ich war wehmütig jetzt schon gehen zu müssen, wo doch dieses interessante und abwechslungsreiche Land noch so viel zu bieten hat.

Aber so bleiben noch viele Gründe wieder zu kommen.

Israel – Jerusalem – Tag 8 & 9

Es ging zeitig los, damit wir um 07:15 am Busbahnhof bei einem ziemlich mürrisch dreinschauenden Schalterangestellten Tickets für die Busfahrt nach En Bokek erwerben konnten und als eine der ersten am Gate für unseren Bus anstanden. Kaum ging das grüne Licht an, drängelten und schubsten alle, aber wir waren erfolgreich und saßen in der ersten Reihe hinter dem Busfahrer.
Der Verkehr in der Stadt war die Hölle, unser Busfahrer hatte einfach immer recht, es wurde gehupt, gedrängelt und der Kleinere gibt nach.
Wir verließen das Stadtgebiet und man sah, dass Jerusalem auf bzw. zwischen lauter Hügeln liegt. Hier draußen wurde es immer karger, die letzten Bäume verschwanden und zurück blieben runde Hügel, braun und steinig, auf denen nichts mehr wächst.

Es geht von 800 m über dem Meeresspiegel auf 400 m darunter ans Tote Meer. Wir passierten mehrere Kontrollpunkte bis wir das Westjordanland wieder verließen.

Das Panorama war der Wahnsinn. Wir fuhren durch eine Ebene, umgeben von schroffen unbewachsenen Bergen voller Geröll und das blaue Wasser glitzerte in der Sonne. Auch wenn weder in dem Wasser noch auf der kargen Erde etwas leben konnte war es wunderschön anzuschauen.

In der Oase Ein Gedi konnte man früher auch mal im Toten Meer baden. Durch den immer weiter sinkenden Wasserspiegel ist es zum einen mittlerweile ein ziemlicher Fußmarsch bis zum Meer und zum anderen nicht ganz ungefährlich, da sich überall Sinklöcher auftun. Es rutschen Palmen, Häuser und ganze Straßenabschnitte in diese Löcher. Die Oase selbst leuchtet in der Wüste. Es wachsen allerlei Pflanzen und überall blüht es bunt.

So gerne hätte ich mein Motorrad dabei gehabt, hätte den heißen Wind im Gesicht gespürt, die Hitze, das Meer, die Blumen gerochen und hätte einfach stehen bleiben können um die Eindrücke aufzunehmen. Wir saßen aber im Bus und der Blick aus dem Fenster war irgendwie wie Fernsehschauen… Aber hey! Im Bus gab es freies WLAN! Und man glaubt es kaum, aber auch am Strand in En Bokek gab es stabiles, freies und vor allem schnelles WLAN. WLAN überall, solange man nicht in Deutschland ist…

Wir gönnten uns zwei Liegen für je 15 NIS und legten uns in den Schatten. Der Strand ist hier mit Sand aufgeschüttet und En Bokek besteht eigentlich nur aus Hotelbunkern und Einkaufsmöglichkeiten.

Nichtsdestotrotz wollten wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, uns mal ins Tote Meer zu legen. Das Wasser ist sehr flach und der Auftrieb extrem. Offene Stellen brennen wie Harry und ne Rasur kurz vorher sollte man sich gut überlegen.
Das Wasser ist sehr ölig und wenn man wieder draußen ist fühlt es sich an wie eine Mischung aus Olivenöl und Zucker auf der Haut. Es lässt sich aber gut mit Wasser abwaschen, öffentliche Duschen stehen an dem Strand zur Verfügung.

Wir ließen die Schlammpackung aus und packten Nachmittags wieder zusammen. Nach einem Rundgang durch die Dead Sea Mall erwischten wir genau einen Bus für die Rückfahrt. Mit jedem Höhenmeter den wir machten, wurde der Blick auf die Berge Jordaniens, die sich im Toten Meer spiegelten besser. Und wieder konnten wir nicht einfach anhalten und aussteigen.

Der Bus war bis zum letzten Stehplatz voll und wir ließen auch einfach Leute mitten im Nirgendwo stehen. Die Fahrt zurück dauerte statt 2 Stunden 3 Stunden. Als wir aus dem Bus ausgestiegen waren, dämmerte es bereits und es war ziemlich frisch, hatten wir doch den ganzen Tag um die 30 Grad.

Abendessen hatten wir in einem kleinen Laden dessen Namen wir nicht lesen konnten, aber es waren die besten Falafel die wir in der ganzen Zeit gegessen hatten. Dazu Hummus mit Kichererbsen und Champignon.

So ein gechillter Tag dazwischen war nötig, die Füße waren wieder erholt und auch unser Kopf war bereit für neue Eindrücke in der Stadt. Bei der Planung für die nächsten Tage traf mich dann die Erkenntnis: Ich habs verbockt!!!
Vor lauter wann ist Shabbat und wann hat wer auf hab ich völlig vergessen, wann eigentlich der Tempelberg zugänglich ist. Wir wollten da am nächsten Tag, also Freitag hoch… Da dürfen allerdings nur Muslime zum Beten hoch.

 

Noch immer sauer auf mich selbst machten wir uns am Freitag zeitig auf und starteten unseren Tag im Christlichen Viertel und der Grabeskirche.

Die Kirche ist verschachtelt und alt, das sieht man ihr auch an. Es herrscht das blanke Menschenchaos, sind doch 6 Religionen mit 30 Kapellen in der Kirche vertreten. Entsprechend bunt fällt auch das Publikum aus. Gleich am Eingang fällt man regelrecht über das Grab Jesu oder über die Unmengen an Menschen, die sich entweder selbst auf die Steinplatte werfen oder den halben Hausstand neben Kreuzen, Kerzen, Handy-Selfie-Sticks und Wasser auf der Platte verteilen, sowie Tücher um das “heilige” Wasser wieder aufzuwischen.
Draußen kann man Unmengen Souvenirs kaufen, unter anderem Bündel dünner Kerzen, die alle in der Kirche angezündet und gleich wieder ausgemacht werden. Dass sich die Leute in ihrer Hektik nicht selbst in Brand setzen ist schon verwunderlich.

Die Kirche ist erfüllt vom lauten Geschnatter der verschiedenen Menschen, dem Gemurmel Betender, dem Geruch von Weihrauch und Kerzen – was völlig fehlt ist Ruhe.
Hier drin war es für mich leicht, jegliche Hemmung abzulegen und zu fotografieren was die Kamera hergab.

In dieser Kirche könnte man Stunden zubringen, ohne dass es langweilig wird. Wir verließen die Grabeskirche nach guten 2 Stunden und fanden uns nach ein paar Schritten in der evangelisch-lutherischen Kirche daneben wieder. Es war niemand außer uns in der deutschsprachigen Kirche, die Stille legte sich um uns und war so erholsam, wie man es von Kirchen kennt.

Wir zogen weiter ins arabische Viertel und liefen die Via Dolorosa durch enge Gassen entlang, schauten in die unzähligen Geschäfte und Läden.
Mit dem Wechsel in das arabische Viertel veränderten sich die Leute, die Beschilderungen, das Angebot der Waren. Der Muezzin schrie zum Freitagsgebet, die Läden wurden größtenteils geschlossen und die Menschen setzten sich mit Kind an der Hand und Gebetsteppich auf der Schulter in Richtung Tempelberg in Bewegung.

Am Österreichischen Hospiz angekommen verschafften wir uns von der begehbaren Dachterasse einen Überblick. Wir waren dem Felsendom so nah und doch war er unerreichbar für uns. Wir ließen den Blick über die Dächer der Altstadt schweifen und sahen dem bunten Treiben unter uns zu.

Nach dem Freitagsgebet strömten Menschenmassen vom Tempelberg zurück in die Stadt. Man kann sich nur eine Ecke suchen und warten oder mit dem Strom mitfließen. Wir wollten die Freitagsprozession um 15 Uhr sehen, hatten aber noch Zeit. Wir schlenderten bis zum Löwentor und fanden direkt daneben einen kleinen arabischen Markt. Nach einem Stück Grieskuchen, der bestimmt wie Baklava auch mit massenhaft Zuckerwasser übergossen war, wurde unser weiteres Schlendern jäh unterbrochen.

Ohne richtig aufzupassen wo wir hinliefen fanden wir uns direkt an einem der Aufgänge zum Tempelberg wieder. Der freundliche Polizist erklärte uns, dass heute und morgen nur Muslimen der Zutritt gewährt wird und wir am Sonntag ab 07:30 Uhr wieder hoch könnten. Hatte ich da richtig gehört?!? Unser Reiseführer hatte – wie bei so vielem – nicht die richtigen Informationen. Ich hatte wieder Hoffnung doch noch zum Felsendom hinauf zu können, es würde ein bisschen stressig werden, aber wir könnten es vor unserem Abflug am Sonntag schaffen.

Mit dieser Aussicht und der Griesschnitte im Bauch war ich beschwingt unterwegs und stellte mich voller Tatendrang am Hospiz mit meiner Kamera auf um die Prozession um 15 Uhr zu fotografieren.
Aber was soll man dazu sagen… das hätten wir uns sparen können. Zwei schmale zusammengenagelte Latten die von einer fröhlichen Reisegruppe durch die Stadt getragen wird und ein Priester. Das sollte die Prozession sein…

Es war kurz nach 15 Uhr und wir machten uns an den Aufstieg auf den Ölberg, durch das Löwentor hinaus und hinunter zum Garten Gethsemane. Auch dazu fällt mir nicht so viel ein. Die Olivenbäume sollen mehrere Tausend Jahre alt sein… Wir haben die Olivastri Millenari auf Sardinien gesehen…da kann man so einen Gethsemane Baum zweimal dahinter verstecken… aber was weiß ich schon, ist bestimmt ne andere Sorte… 🙂

Gleich daneben steht die Kirche der Nationen – 12 Nationen – 12 Kuppeln. Und damit die einzige Kirche, die wir hier besichtigen konnten. Die schöne Maria-Magdalena-Kirche mit den goldenen Zwiebeltürmen hat nur Dienstag und Donnerstag offen, wieder einmal standen wir vor einem verschlossenen Gotteshaus. Und dann flog mir eine Sicherung: Schimpfend und zeternd stampfte ich Gimli-ähnlich in der gleißenden Sonne den Weg am Jüdischen Friedhof entlang hoch.

Bis wir oben waren, war meine Wut verraucht und wir genossen den Ausblick auf die Stadtmauer, den Felsendom und die Altstadt, die im Licht der untergehenden Sonne leuchtete.

Unverhofft kommt oft. Wir durften bei einer Art Vorzeremonie einer muslimischen Hochzeit teilhaben. Auf dem Ölberg fanden sich eine Menge Leute ein und die Feier begann. Verstanden haben wir kein Wort, aber es war klar, dass es sich bei der Frau im bestickten Gewand, dem Strauß in der Hand und dem Blumenkranz auf dem Kopf um eine Braut handeln musste. Wir durften nicht nur zuschauen, wir wurden auch voll mit verköstigt, das Essen und die Getränken wurden völlig selbstverständlich mit den wildfremden Zuschauern geteilt und wir waren überwältigt von so viel Gastfreundschaft.

Die Sonne verschwand hinter den Dächern Jerusalems, die Leute wurden weniger und als die Dämmerung hereinbrach hörten wir noch die Muezzins aus den verschiedenen Richtungen zum Abendgebet rufen.

Was für ein eindrucksvoller Tag.

Israel – Jerusalem – Tag 6 & 7

Unser Start in den ersten Tag in Jerusalem wurde noch besser, als wir bei Sam´s Bagels waren. Läuft ab wie bei uns Subways nur mit Bagels und Hammer-Auswahl.
Wir betraten die Altstadt durch das Jaffa-Tor und Tobis Vorstellung war dahin. Keine Menschen in Sandalen und langen Gewändern, kein Dreck und Staub, keine Eselskarren… Tja wir sind halt nicht mehr im 1. Jh.

Gleich rechts befindet sich die Davidszitadelle, man kann durch die Ruine streifen, die Museumsräume begutachten und auf den Aussichtsturm hinauf. Wir nutzten diese Gelegenheit um uns einen Überblick über die Altstadt von Jerusalem zu verschaffen.

Danach schlenderten wir durch das Armenische Viertel, hier ist es relativ ruhig. In die St. James Cathedral kann man leider nur mit Führung rein und so standen wir unverhofft schnell schon am Zionstor. Als wir noch am Beraten waren, ob wir gleich den Berg Zion noch mitnehmen wollen oder wieder in die Stadt gehen, quatschte uns einer dieser nervigen Taxifahrer an. Zuerst auf hebräisch, weil er Tobi für einen Landsmann hielt und dann auf Englisch und wild irgendwelche Ziele vorschlagend, wo er uns hinfahren könnte. Es dauerte ein wenig, bis wir ihm begreiflich machen konnten, dass wir genau da sind, wo wir hin wollten und gerade weder auf den Ölberg, noch nach Bethlehem gefahren werden wollten.

Mir taten die Füße weh, ich wollte mich setzen und ich wollte Baklava. Beides fanden wir in einer Art Selbstbedienungsbäckerei… Böser Fehler, mich mit einer Gebäckzange und einer Schüssel da allein rein zu lassen. Nachdem ich eskaliert bin und Unmengen Gebäck, Kekse und Baklava in mich gestopft hatte, hatte ich extrem gute Laune und es konnte weitergehen.

Wir waren mitten im Jüdischen Viertel und standen direkt am Eingang der Sefardischen Synagogen. Schon hatte Tobi ne Leihkippa am Kopf und es ging los. Die vier Synagogen sind miteinander verbunden, ursprünglich war es eine, wurde aber auf Grund der wachsenden Gemeinde immer wieder erweitert. So Synagogen sind eigentlich recht angenehm, sie vermitteln nicht so das Gefühl Flüstern zu müssen und andächtig das Haupt zu neigen, vielmehr fühlt man sich wie in einem Wohnzimmer. In die Ramban und Hurva Synagoge warfen wir nur einen kurzen Blick, wir wollten die Anwesenden nicht stören.

Dann waren wir am/auf/ im Cardo und dem umliegenden Basar. Die Nord-Süd-Verbindungsstraße aus dem römischen Jerusalem wurde freigelegt und restauriert. Wir irrten fast planlos durch die Stände, beim ersten Mal durchlaufen verliert man leicht die Orientierung, wo man sich eigentlich gerade befindet. Aus jedem noch so kleinen Raum wird irgendetwas verkauft, Ramsch für die Touris, Herrenanzüge, Farben/Lacke, Drogerieartikel, Unterwäsche, Gewürze, Fleisch, Süßes.

Ausversehen standen wir schon an den Sicherheitskontrollen zur Klagemauer und waren auch schnell durch. Wir trennten uns, Tobi mit Leihkippa auf die Männerseite, ich auf die Frauenseite. Das Bedürfnis mich selbst an diese Wand zu stellen, oder wie viele andere einen Zettel in die Steinritzen zu stecken und dabei ein Selfie zu machen kam bei mir nicht auf. Das ist weder mein Glaube, noch möchte ich jemanden stören, der sich hier zum Beten einfindet. Tobi kam mit ähnlichen Erfahrungen von der Männerseite. Wir schauten uns das ganze Treiben aus einiger Entfernung noch ein bisschen an, bevor wir quer durch die Altstadt zum Neuen Tor schlenderten. An Essenslokalitäten in der Nähe unseres Hotels mangelte es nicht und nachdem ich es nachmittags mit dem Baklava so übertrieben hatte, gönnten wir uns bei Mr. Green Salate zum Abendessen.

Der Mittwoch startete auf dem Machane Yehuda Bazar. Hier findet das normale Leben statt, die Leute erledigen hier ihre täglichen Einkäufe – Brot, Gemüse, Fisch, Nüsse, Obst.
Wir sammelten uns beim Durchschlendern unser Frühstück zusammen. 2 Pitas hier, Labaneh und irgendwelchen anderen Käse da, ein paar Falafel und einen frisch gepressten Orangensaft.

Danach wollten wir ins Stadtviertel Mea Shearim in dem die ultraorthodoxen Juden wohnen. Hier geht es definitiv anders zu, Fremde sieht man gar nicht, eigentlich alle sind mit Samthut, Bart, Schläfenlocken und schwarzem Mantel bekleidet, Frauen alle mit Rock und hochgeschlossen, die Kinder wie Orgelpfeifen aufgereiht im Schlepptau. Es ist relativ dreckig auf den Straßen und obwohl uns niemand angesprochen hat, lässt uns das Gefühl hier nur geduldet zu sein, auch schnell wieder weiterziehen.

Mit der Tram fahren wir zum Mount Herzl. Was in den Bussen funktioniert – nämlich die RavKav Card einfach zweimal zum Abbuchen des Fahrtpreises an den Kartenleser zu halten, funktioniert leider nicht in der Tram, jede Person braucht so eine RavKav oder aber man löst vorneweg an der Haltestelle ein Papierticket.

Unser Ziel am Mount Herzl: Yad Vashem – nationale israelische Gedenkstätte.

Der Eintritt ist frei, Spenden werden angenommen. Der Aufstieg der Nationalsozialisten, Verfolgung und Ermordung der Juden, bis hin zu Berichten von Überlebenden ist dokumentiert mit unzähligen Bildern, Briefen, Videos, Plakaten, Zeitungen, Kleidung, persönlichen Gegenständen. Die Ausstellung ist riesig. Nach drei Stunden waren wir wieder draußen und hatten bei weitem nicht alles angeschaut. Mein Kopf fühlte sich an wie ein Ballon kurz vor dem Platzen und ich wünschte, niemand würde mich mehr fragen wo ich herkomme. Unsere Generation kann nichts mehr dafür, was damals geschah, trotzdem fühlte ich mich elend und erschlagen.

Umso mehr war ich erstaunt und auch dankbar, dass sich jeder mit dem wir uns unterhalten hatten, gefreut hat, dass wir dieses Land besuchen, sich für uns interessiert hat und wir nie verurteilt wurden, weil wir aus Deutschland waren.

Wir beendeten diesen Tag früh und lagen nach Falafel und Schawarma vom Imbiss um 21 Uhr im Bett. Die Rucksäcke waren für den nächsten Tag schon gepackt und der Wecker auf 6 Uhr gestellt.

Israel – Tel Aviv – Tag 3 – 5

Am nächsten Tag war Shabbat, wir blieben lang im Bett und haben uns, um von A nach B zu kommen, mit den Leihstationen für Fahrräder auseinandergesetzt, es fahren nämlich keine Busse.. Gleich bei uns um die Ecke war so eine Verleihstation von Tel-O-Fun. Registrierung und Bezahlung läuft über Kreditkarte, man zahlt einen Tagespass, die erste halbe Stunde ist frei, dann wird halbstündig abgerechnet, bis man das Rad wieder in einer solcher Station abgibt.
Wir radelten die ersten 5 km am Strand entlang, hochmotiviert mit dem Blick auf unser verspätetes Frühstück im Benedicts, welches 24/7 offen hat.

Die Idee dort zu Essen hatten wir nicht allein. Wir warteten fast eine Stunde mit ca 20 anderen Leuten vor dem Laden auf einen Tisch. Drinnen geht es hektisch zu, aber das Frühstück entschädigt. Wir orderten Israeli-Breakfast, mit Eiern, Labaneh, Avocado, Thunfisch, Käse und Salat. Danach konnten wir es nicht sein lassen und bestellten Blaubeer-Pancakes…. Wahnsinns-Teile… was ich beim Bestellen und Essen noch nicht bedacht hatte: ich musste dann wieder auf ein Fahrrad aufsteigen… Wir nahmen uns erneut Fahrräder und radelten zum alten Hafen von Tel Aviv welcher jetzt neu mit Cafes, Bars und Kinderbespaßung angelegt wurde.

Am Fluss Yarkon angekommen zogen wir uns an diesem entlang in den Yarkon Park. Ganz Tel Aviv schien draußen, zu sein, beim Radfahren, Grillen, Slaklinen, Tretboot fahren, Geburtstag feiern, mit den Kindern in der Wiese liegen. Gefühlt war ganz Tel Aviv entweder am Strand oder in diesem Park.
Nach ich weiß nicht wie vielen Kilometern in diesem Park radelten wir den Rothschild-Boulevard wieder runter Richtung Jaffa. Am Strand hörten wir noch eine Weile ein paar Straßenmusikern zu, bevor wir uns bald in unser Apartment zurückzogen.

 

 

Eigentlich ist Sonntag… hier ist das aber schon wieder wie bei uns Montag. Die Geschäfte haben wieder offen, es geht wild zu auf den Straßen und wir waren entsprechend früh unterwegs.
Am Strand entlang ging es heute ins Old Yafo. Der kleine alte Stadtkern klebt am Hang und es geht Treppen rauf und runter, an vielen Galerien vorbei, bis wir an der ersten Kirche ankamen. Die St. Petrus Kirche ist relativ schmucklos und wir hielten uns nicht lange auf. Direkt gegenüber ist eine Freilichtbühne mit Blick auf das Meer und die Skyline von Tel Aviv.